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KUNSTAM BAUM

TASCHENTUCHBAUM
Installation und Lesung
Eröffnung war am 4. März 2001 ab 10.oo Uhr Marktplatz, Detmold


TASCHENTUCHBAUM

Installation und Lesung
Eröffnung war am 4. März 2001 ab 10.oo Uhr Marktplatz, Detmold

Mit dieser Installation und Lesung machten die Künstlerinnen der Gruppe pickArt auf das "Kulturgut" Damentaschentuch aufmerksam:
Taschentücher von Frauen. Taschentücher - Weiß mit Spitze und Monogramm, bunt getupft, gestreift oder kariert - begleiten uns ein Leben lang. Sie werden ausgeliehen, gehen verloren, finden sich wieder, werden geknüllt, sorgsam gefaltet oder mit Knoten versehen. Mit ihnen wird der Schweiß von der Stirn getupft, häufig ziert sie Lippenstift, manchmal Eigelb oder Rotwein, viele Tränen werden mit Ihnen getrocknet, oft flattern sie zum Abschied im Wind - ach ja und natürlich: "Putz dir mal die Nase!" Die Künstlerinnen der Gruppe pickArt haben Taschentücher von Frauen gesammelt und lassen sie Wind flattern!
Während der Frauenkulturwoche (4.-11. März 2001) hingen die Taschentücher an einem Baum in der Detmolder Innenstadt. -Der Baum als Sinnbild für ein langes, verzweigtes Leben, die Taschentücher als Symbol für die vielen "Geschichten, die das Leben so schreibt".

 

Die eingesendeten Geschichten

Geschichte von Susan Markowska:
An Orten in Anatolien, wo ein Heiliger begraben ist - oder wo man vermutet, dass dort einer begraben ist - gibt es oft einen Wunschbaum. In Türkisch "dilek agaci". Wenn man sich was wünscht (von dem Heiligen) knotet man ein kleines Taschentuch oder einen Stofffetzen an den Baum und wünscht! Oft sind es Frauen, die einen Kinderwunsch haben. Manchmal sind diese Plätze Ausflugsorte, wo man ein Picknick machen kann.

Geschichte von Sigrid Meyer v. Froreich:
Das Taschentuch, das ich Ihnen schicke, gehörte meiner Schwiegermutter, die letztes Jahr im Alter von 88 Jahren starb.
Sie besaß viele solcher Taschentücher, die sie als junges Mädchen selbst gehäkelt hatte, und eins davon trug sie, im Ärmel versteckt immer bei sich. Im Sommer, wenn sie kurzärmelige Kleider trug, versteckte sie das Taschentuch unter dem Gürtel, der zu jedem Kleid einfach dazugehörte.
An Papiertaschentücher wollte sie sich nicht gewöhnen, sie mochte sie nicht!

Geschichte von Angeles Santiago
Ich erinnere mich an meine Kindheit in Spanien - Frauen war es nicht erlaubt, ohne Kopfbedeckung eine Kirche zu betreten. Manchmal kam es vor, dass eine Frau ihren "velo"
( Kopfbedeckung aus Spitze ) vergessen hatte. Dann musste ein Taschentuch her, um diesen Zweck zu erfüllen. Es wurde locker auf den Kopf gelegt und damit war der Einlass erlaubt.

Geschichte von Gerlinde Ziemendorff:
Weil meine Mutter ja immer über mindestens ein sauberes Stofftaschentuch verfügte, rettete sie damit - als ich und meine Geschwister Kinder waren - so manche langweilige, anstrengende, jammerige (von Seiten der Kinder) Situation: Schweigend holte sie ein Taschentuch aus der Tasche und begann vor unseren begeisterten Augen (obwohl wir´s irgendwann ja schon -zig Mal gesehen hatten) ein Taschentuch - Mäuschen zu falten. Erst die Rolle, dann wurde ein Leib und ein Schwänzchen draus und am Ende knotete sie aus zwei rausgezupften Ecken winzige Mausohren ! Dann saß das Tier auf ihrem Arm und wir durften es streicheln - bis es urplötzlich, wie von Zauberhand, zu zucken und zu springen begann, worauf meine Mutter es mit milden Worten beruhigte, so dass es von Neuem nichts sehnlicher zu erwarten schien, als von uns Kindern ganz zart gestreichelt zu werden - aber vielleicht streichelte ich es zu zart und mein älterer Bruder zu fest? Jedenfalls sprang es immer wieder aus unerklärlichem Grund fast vom Arm meiner Mutter, die ihm (und uns) wiederum beruhigend zusprach...und so fort! Dieses Ritual - schon als Kind durchschaut, denn natürlich wussten wir, dass unsere Mutter einen Finger in der Mausrolle stecken hatte - hat viele Jahre nichts von seiner Anziehung verloren, egal ob beim Zugfahren oder im Wartezimmer des Zahnarztes oder später auch auf unser Drängen hin: "Mach uns ein Mäuschen...!" Irritiert hat mich nur immer, dass es nach Kölnisch Wasser duftete!

Geschichte von Gabi Postert:
Vor 35 Jahren bekam ich diese Taschentücher zur Kommunion geschenkt. Ich habe sie gehegt und gepflegt , auf Knicke geachtet und die Spitzen immer schön glatt und ordentlich nach dem Spielen in den Taschentuchhalter zurückgelegt. Neben den Ziertaschentüchern gab es natürlich noch diverse unnützliche Geschenke wie Sammeltassen, Pralinen mit Alkohol und natürlich auch etwas für die Aussteuer!!! Tonnenweise Bettwäsche und Handtücher. Alles (un)sinnvolle Geschenke für ein 9 jähriges Kind !? Als Kind spielte ich gerne mit den Tüchern , ich sortierte sie nach.Mustern , Farben und Motiven , wickelte meine kleine Puppe darin ein oder legte sie einfach unter meine Nachttischlampe .Aber wenn ich nicht damit spielte verschwanden sie wieder in den rosafarbenen Taschentuch- halter.!!! 13 Umzüge habe ich hinter mir , packte jedes mal die "Zier" in eine Kiste , danach verschwanden sie in eine Schublade , ohne irgendeinen Nutzen. Heute kann ich mich freuen meine Ziertaschentücher für ein Kunstprojekt zu spendieren , denn meine 4 Kinder schauen mich nur ganz groß an , wenn ich sie frage ob sie mit den guten alten Gaben spielen möchten.

Anmerkung von Ursa Hoffmann - Kuhfuss:
Ich spende ebenfalls ein Taschentuch und möchte es nicht zurück haben, weil ich es so häßlich finde. Ich bin erleichtert, es auf diese luftig, lustige Art los zu werden.

Geschichte von Anna - D. Merkord:
Meine zweite Hochzeit stand kurz bevor, und ich besuchte noch mal die liebe Tante Frieda, die aus Altersgründen nicht dabei sein würde. Sie hatte sich ein besonders anrührendes Geschenk überlegt - der Brautstrauss sollte von ihr sein! Ich ließ mir rote Rosen, Margaritten und Schleierkraut zum Strauss binden und dachte über eine angemessene Manschette nach, um meine Finger nicht zu zerstechen. Da kamen mir die alten Spitzentaschentücher in den Sinn, ganz hinten im Wäscheschrank! Das schönste wählte ich aus, und es begleitete mich den ganzen festlichen Tag. Um Mitternacht warf ich den Brautstrauss hinter mich, den unverheirateten "Jungfrauen" zu. Das Spitzen-taschentuch behielt ich und trage es seitdem immer in meiner Handtasche - bisher noch nicht gewaschen!

Geschichte von Anita Nunnensiek:
DAS TASCHENTUCH Wie viele Namen hat es eigentlich? Kavalierstuch, Taschentuch, Schnupftuch, Rotzfahne und Schnauztuch... Während meiner Kindheit - ich bin 1930 geboren - kannte man noch keine Tempos. Für das kleine Kind gab es ein ganz kleines Tüchlein, was dann mit zunehmendem Alter größer wurde. Ich kann mich noch genau an eine grüne Schürze mit einem kleinen Tüchlein in der Tasche erinnern. Mutter hatte wenig Zeit, sie musste im Geschäft helfen, trotzdem stickte sie auf jedes Tüchlein eine Kleinigkeit. Aber oh weh, oh weh, wenn wieder mal eins verklüngelt war...dann gab´s Zunder! Während der Schulzeit wurden Kleinkarierte meine "Lieblingsfahnen". Manchmal musste dieses Taschentuch auch für andere Dinge herhalten. Wenn der Schulzahnarzt unerwartet kam, man morgens sich mal wieder vor dem Zähne-putzen gedrückt hatte, lief man schnell auf´s Klo und putzte mit dem Tuch die Zähne. Hatte man zu doll getobt und die Knie mit Erde beschmiert, aber nur die Hände gewaschen - geduscht wurde in meiner Kindheit noch nicht, nur samstags kam die Zinkbade-wanne in die Waschküche - so wurde das Taschentuch zum Waschlappen um-funktioniert . Auch als Verbandszeug für die aufgeschlagenen Finger konnte man es gebrauchen. Mit den Jahren wurde man eitler, und es musste ein schönes Taschentuch mit Monogramm und Spitze sein - war das eine Mühe, diese Spitzen mit ganz feinem Garn zu häkeln! Auch kam bei einigen Kleidern und bei den Herren am Anzug ein kleines Tüchlein in die linke Tasche des Oberteils - das Kavalierstuch. Einigen Herren mit "Pläte" konnte es eine Hilfe sein; brannte die Sonne mal unerwartet heiß vom Himmel, so wurde an allen vier Ecken ein Knüppchen geknotet und fertig war der Sonnenschutz. Es gab auch Tricks, das Taschentuch zu ersetzen; ich beobachtete mal Heinrich dabei, dass er das eine Nasenloch zuhielt, kräftig in die Furche schnaufte und danach die andere Seite - so wurde die Nase auch frei! Hatten die Mädchen das Taschentuch vergessen, so musste der Unterrock herhalten - ist heute nicht mehr möglich, es trägt niemand mehr einen Unterrock! Die Jungs nahmen den Ärmel und führten ihn unter der Nase durch - "Da drüben steht ein Schutzmann" - dann an der Hose runter - "hat solch einen Säbel!" Meine Tante Amanda nahm immer ein großes Herren-taschentuch zum Nase schnupfen. Das hat mich geprägt - ich hole ein großes Tuch aus meiner Schürzentasche.

Gedicht von Elisabeth Stiemert:
Vor langer Zeit galt der Versuch mit einem Spitzentaschentuch durchaus als schicklich. Das Taschentuch, das ihr entglitt, wenn sie ganz sicher war, er schritt auf selbem Wege hinter ihr. Und er, natürlich Kavalier, er hob es auf und dachte sich, ich bin natürlich ritterlich und laufe ihr ganz einfach nach. Sie sagte danke und auch oh und ach, mein Lieblingsspitzentaschentuch! Und jetzt kam folgerichtig sein Versuch: Mein liebes Fräulein, wie mir scheint, hat ein Geschick es so gemeint, dass wir uns alsbald wieder sehn. Sie sagte: Wenn Sie drauf bestehn, vielleicht am Sonntag um halb acht? So wurde damals angemacht!

Gedicht von Monika Zabel:
Ich bin ein freies Taschentuch Am Baume hinge ich hier, wie eine Pflaume. Mein ganzes Leben habe ich alles geschluckt. Jetzt hänge ich im Regen und muß mich bewegen mit dem Wind und mit den Zweigen aber immer muß ich schweigen. Kann nichts sagen von meinem Lebenskampf, lieber liege ich sauber im Schrank. Doch immer wieder muß ich raus und meine Arbeit ist mir ein Graus. Zerknüllt, beschmutzt und in der dunklen Tasche versteckt. Das soll es gewesen sein, mein Leben? Das werde ich meinem Besitzer nie vergeben. Drum reiß ich mich jetzt los von diesem Baum und flüchte von hier, wie in meinem Traum. Dann fliege ich in der Luft und über den Wolken nie wieder werde ich benutzt, wieder verdreckt und in der Dunkelheit versteckt. Ein Leben in der Freiheit, im Licht und sauber, das ist mein Lebenszauber.

Geschichte von Frau Rehmann:
DAS TASCHENTUCH Klaus und ich waren auf Reisen gegangen. Wir hatten uns in einer Stadt festgesetzt, von wo aus wir Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung unternahmen. Mehrere Tage lang waren wir einander nicht von der Seite gewichen. Dann aber hatte ich ein paar Besich-tigungswünsche die Klaus weniger verlockten. So beschloss er, seine Reiseaufzeichnungen zu vervollstän-digen und unser 2immer sauberzumachen, während ich unterwegs war. Dabei heimste ich nicht gerade Erfolge ein. In dem Museum, auf das ich mich gefreut hatte, wurden einige Räume neu geordnet und konnten deshalb nicht besichtigt werden. Für die Orgel, auf die ich es in einer Kirche abgesehen hatte, fand der Küster nicht den Schlüssel. Wenigstens machte ich einen schönen Spaziergang um die Innenstadtbefestigung. Aber oben auf dem Umgang lungerten ein paar Bengel herum und versuchten mir auf den Kopf zu spucken. Hätte ich nur ein unbenutztes Taschentuch gehabt, das ich mir über die Haare hätte breiten können! Oder noch besser. Wäre Klaus bei mir... Als ich in unsrer Unterkunft eintraf, fand ich Klaus im Hof der Gastgeber beschäftigt. Er strich sich das Haar aus der Stirn und sagte: Ich bin noch Brot kaufen gegangen. Dabei muß ich meinen Hut verloren haben. Ich hatte ihn abgesetzt, weil es im Laden so drückend war. Jetzt ist geschlossen, sonst könnte ich nachsehen... Dann muß ich mir eben in den nächsten Tagen ein Taschentuch um den Kopf knoten,, wenn es heiß wird. Besser wäre natürlich gewesen, du wärst mit mir gekommen dann hätte ich den Hut jetzt noch." Trotz des Verlust musste ich innerlich grinsen: Klaus' Argumentation kam mir bekannt vor.

Geschichte von Gertrud Mohr:
Das beigefügte Taschentuch wurde in den letzten Kriegsjahren oder in der frühen Nachkriegszeit von einer alten Frau aus Stoff- und Garnresten gearbeitet, die mit ihrem kranken und gehbehinderten Mann wegen der Zerstörung ihrer Wohnung und fast all ihrer Habe durch Bomben aus dem Ruhrgebiet (?) nach Waddenhausen ( heute Lage ) evakuiert worden war. Das Ehepaar , von uns Kindern Oma und Opa Engellage genannt, lebte in dem Haus, in dem auch wir wohnten. Ich ( Jahrgang 43 ) erinnere mich auch noch dunkel an einen späteren Besuch bei den beiden in einem Altersheim in Stapelage. Sehr beeindruckt hat mich aber, was meine Mutter später noch mehrfach erzählt hat: Frau Engellage hat nie über ihr schweres Los geklagt. Ein einziges Mal aber war diese starke Frau so verzweifelt und ganz trostlos, dass sie weinte. Das war, als es kein Salz mehr zu kaufen gab." Das Taschentuch habe ich als kleines Mädchen geschenkt bekommen. Es verbindet sich für mich mit dem Schicksal dieser tapferen Frau und auch mit meiner Mutter, die durch diese und andere Geschichten versuchte, Erinnerung an Menschen wach zu halten. Deshalb habe ich es aufbewahrt. Wenn es jetzt durch euer Projekt Teil eines Denkmals für Frauen wird, würde mich das freuen.

Anmerkungen von Ingrid Merkord
"Mir läuft gerade die Nase, wo ist mein Taschentuch ?"
Jugenderinnerungen:
z.B. -Taschentücher, in die gespuckt wurde, um die Sonntagsschuhe auf Hochglanz zu bringen.
- Taschentücher, die mit Knoten an allen vier Ecken, auch schon mal als Kopfbedeckung - sowohl gegen Sonne als auch Regen - dienten. -
Taschentücher, die von Mutter, Großmutter oder auch Tanten (echten und auch sogenannten) oft nur mit Mühe an ihrem Platz im Ärmel gehalten wurden. Merke:
Taschentücher sind vorwitzige Wesen, die sich nicht gern einsperren lassen. Wenn sie nicht gerade herausfallen, herauslugen tun sie fast bei allen.

Geschichte von M. Wulfmeyer
AN EIN SPITZENTUCH
Woher ich dieses weiße Tuch mit Spitze besitze
weiß ich nicht mehr.
Ich denke mal, es flog mir zu - originalverpackt.
Es lag nur ´rum.
Ich packt´ es aus und schickt´ es fort
an einen anderen Ort - vielleicht zur ew´gen Ruh!
Vielleicht auch nicht,
das weiße Tuch mit fliederfarb´ner Spitze -
wer immer´s auch besitze, das Tuch, das
Spitzentaschentuch.

Geschichte und Assoziationen von Katharina Sobott
Taschentücher weiß mit Spitze, bunt kariert, aus Stoff oder Papier (mit Janosch) gehören, mehr oder weniger auffällig, zum alltäglichen Leben. Meine erste Erinnerung an Taschentücher ist die, dass sie sich wunderbar eigneten zum Bügeln - Üben. Eifrig bereitete ich die kleinen Stoffstücke am Küchentisch auf der Bügeldecke aus. Noch waren sie ganz zerknittert. Meine Mutter gab mir mit liebevollen Ermahnungen das Bügeleisen. Mit glänzenden Augen ließ ich das heiße Eisen über die Taschentücher gleiten. Verbleichende Märchenmotive mit rotem oder grünem Rand, bunte, groß karierte Taschentücher durfte ich bügeln - und ich tat es mit Begeisterung. Fasziniert von ihrer Verwandlung von einem zerknitterten Etwas in ein glattes, weiches Tuch. Zu dumm, dass Papa immer diese Papiertaschentücher benutzte. Dann bekam ich als kleine Dame von meinen Omas schöne weiße Stofftaschentücher mit weißer oder gelber Spitze geschenkt. Sie dienten mit als Tischdecken für die Tische in der Puppenstube, zum Bekleiden der Barbiepuppen und zum Zudecken meiner Teddybären. Eines verwahre ich immer noch im Gedenken... Auch Erinnerungen an meinen Opa sind unweigerlich mit Taschentüchern verbunden. Immer hatte er ein sauberes, kariertes, quadratisch gefaltetes Stofftuch in seiner Hosentasche - für laufende Näschen oder Tränen nach einem Sturz... Auf seiner Beerdigung hielt ich eines seiner Taschentücher in seiner Hand - durchweicht und zerknüllt.

Gedicht von Katharina Sobott
TASCHENTÜCHER aus Stoff mit Spitze oder Karo aus Papier weiß oder umweltfreundlich grau vielseitig verwendbar Bügeln üben, Puppen einkleiden Decke für den Bären es trocknet Tränen wischt den Schweiß winkt zum Abschied und auch zum Neubeginn es ist reissfest, bissfest und ohne feuchte Hände zu bekommen nutzbar es ersetzt Zeba wisch und weg oder auch das Klopapier Es ziert die Westentasche findet sich in vielen Hosen oder Jacken kann Zier- und Schmuckstück sein oder auch Hatschie eine alltägliche Notwendigkeit

Anmerkung von Monika Möller
Dieses Taschentuch habe ich zu meiner Kommunion bekommen. Es wurde in einem kleinen weißen Beutelchen getragen und verschwand nach diesem Tag unbemerkt in irgendeiner Schublade. Ich gehöre wohl zu der Tempotaschentuchgeneration. Mir ist es ehrlich gesagt zu stressig, Taschentücher zu waschen und sie dann wieder zu bügeln. Bei uns zu hause war es früher auch schon so, dass diese Taschentücher eigentlich nur Sonntags oder zu anderen feierlichen Anlässen getragen wurden.

Geschichte von Christiane Niehues
Mir wurde der Geschmack eines abgelutschten Taschentuches Teil des Gefühls, kleines Kind zu sein. Da Schnuller gerade einmal nicht modern war, zog ich mir den Bettzipfel = Timpen zum Nuckeln in den Mund. Praktisch veranlagt, wie meine Mutter ist, gab sie mir einen angemessenen Ersatz - damit nicht dauernd ausgelutschte und - gekaute Bettzipfel repariert werden mussten - und zwar in Form eines Herren-taschentuches, bei dem die Mitte als Zipfel herausgezogen wurde. Noch heute habe ich den Geschmack und das Gefühl von weichgekauter Baumwolle als wohlige Erinnerung behalten. P.S.: Ein Herrentaschentuch war auch bei Ausflügen immer mit dabei. Wenn die Sonne zu stark auf den Kopf schien, wurde es zum "Käppi" umfunktioniert - mit einem Knoten an jeder Ecke.

Anmerkung von Jutta Diesel
Beiliegend sende ich Ihnen zwei Taschentücher, die meiner am 13.8.2000 verstorbenen Mutter ( Edith Salzmann ) gehört haben. Sie wäre im Oktober 88 Jahre alt geworden, und war bis zuletzt sehr aufgeschlossen allen Aktionen gegenüber. Es hätte ihr bestimmt gut gefallen, den "Taschentuchbaum" zu sehen. P.S. von A.-D. Merkord: Beim Abschreiben der Geschichten erfuhr ich nun auch vom Tod meiner langjährigen Zeichenschülerin und hielt ihre Taschentücher in den Händen - sie brachten schöne Erinnerungen mit!

Geschichte von Maria Kastler
Die dicke Dame mit den Tüchelchen Die dicke Dame sitzt im Sessel am Fenster. Vor ihr auf dem Boden hockt ein kleines Mädchen und staunt: Im Gegenlicht sieht es eine weichen Berg, der sanft und gleichmäßig wogt. Gebannt schaut das Kind zu, wie vor dem dunklen Schatten etwas Helles schwerelos flattert. Ein großer Schmetterling oder der leuchtende Zaubervogel aus dem Märchen? Schwebt eine kleine Wolke durch den Raum? "Nu ja, ich häkle Spitzen um die Tüchelchen." sagt die dicke Dame. Oh, und sie nimmt dafür sogar rosa Garn!

Anmerkung von Karola Scharfenberg
Endlich, wie versprochen das Taschentuch... Da ich es von einer älteren Dame in der Volkshochschule geschenkt bekommen habe, möchte ich es gerne nach Eurer Aktion wieder in die Schublade packen.

Geschichte von Roswita Schapöhler:
Ich las Ihren Artikel in der Zeitung und habe mich spontan entschlossen, Ihnen mein Taschentuch, das mich an meinem glücklichsten Tag, nämlich meine kirchliche Trauung 31.7.1970, erinnert, zu Ihrem Zweck zu überlassen. Es ist mit einer wertvollen Erinnerung verbunden und seit dem Tod meines Mannes vor knapp zehn Jahren hat es für mich noch mehr an Bedeutung gewonnen. Nach Abschluss Ihrer Aktion bitte ich Sie, mir das Taschentuch zurück zu senden. P.S. Es sieht noch nicht so alt aus, aber ich habe es all die Jahre gut verpackt in der Brauttasche aufgehoben.

Anmerkungen von Hannelore Ridder
Diese drei Taschentücher bekam mein Sohn 1975 zur Konfirmation geschenkt. Er öffnete das Kästchen, besah sich die schönen Taschentücher und packte sie sorgfältig wieder ein. Das Kästchen lag dann viele Wochen, vielleicht auch ein paar Monate auf unserer Anrichte. Eines Tages zeigte er mir strahlend, dass er nun eines der schönen Taschentücher in Gebrauch nehmen wollte! Haben Sie schon mal ein gestopftes Taschentuch gesehen? Liegt bei! Die zwei rosa und grün umhäkelten gehörten Mutter oder ihrer Schwester, vielleicht von etwa 1930 - das Weiße ist sicher etwas jünger. P.S. war das Monogramm meiner Mutter Paula Schierenberg J.W. - Johanne Wöstenfeld war meine Großmutter Wenn es ein - L - ist, war es meine Großmutter Lieschen

Gedichte von Frau I. Fliedner
TASCHENTUCH - GEDICHT Mein kleines Tüchlein, das ist so schön grün,
Ein jeder sieht es am Baume blühn.
Grün ist die Hoffnung, und Hoffnung ist gut,
Denn sie gibt jedem von uns neuen Mut.
Der Baum ist so kahl noch im Monat März.
Doch bald wird er leben, das weiß jedes Herz.
Drum sei voller Hoffnung im Winter, nicht zag,
Wenn grau ist der Himmel und dunkel der Tag.
Die vielen Tüchlein, die flattern am Baum,
Sie geben uns Hoffnung, erfüllen den Traum
Vom blühenden Frühling und Sommer dazu.
Dann, liebes Herze, dann kommst du zur Ruh.

TASCHENTUCH - GEDICHT
Wie flattern so fröhlich die Tüchlein im Wind!
Wie stehen staunend davor Frau und Kind!
Wie freuen sich alle an dieser Idee!
Wer hat sie erfunden - war das eine Fee?

Sie muß eine gute gewesen sein,
Wie kämen sonst diese Tüchlein hierher
Aus Seide und Spitze und Farben so fein,
An denen wir alle uns freuen so sehr?

Sie zeigen das baldige Frühjahr an,
Wo Bäume und Büsche und Blumen dann
Werden erwachen aus dunkler Nacht.
Drum hab ich bei mir so im stillen gedacht,
Daß dies bunt Geflatter im Frühlingswind
All unsre Wünsche und Sehnsüchte sind.

Die Taschentuchgeschichte - anonym
Ein kleines Dorf in der Einöde von Ostpreussen, weit weg von der Stadt, Häusern, Menschen und Autos. Dort lebte eine uralte Frau mit ihrem geistig behindertern Sohn allein, einsam und gemieden von Nachbarn und anderen Dorfbewohnern. Armut und Bescheidenheit, ja auch eine tiefe Gottesfurcht prägte schon damals das Leben der Menschen in dem Dorf. Es war ein dunkler Herbsttag an dem ich, 6 Jahre alt, auf dem Weg zur Schule ein verschmutztes uraltes kariertes Taschentuch auf dem Boden liegen sah. Von kindlicher Neugierde geplagt, hob ich das Taschentuch hoch und fühlte etwas undefinierbares, weiches darin. lch wickelte das Ta-schentuch auf und fand einen großen Geldbetrag. Die Geldscheine waren ganz klein ineinander gerollt. Die Aufregung war groß, der Schulweg noch unendlich lang, lang genug um zu überlegen was nun geschehen sollte. Zwei Möglichkeiten gab es. lch wollte das Geld behalten und keinem Menschen nur ein Sterbenswörtchen er-zählen, die andere Möglichkeit war, das Geld dem Men-schen zurück zu geben dem es alles bedeutete. Das Ta-schentuch wurde im Schulunterricht gehütet wie der Schatz vom Silbersee. Auf dem Heimweg war mir klar. ich muss das Geld abgeben Ich klopfte an der Haustür der alten Frau. Lange dauerte es, bis sich in dem Haus etwas bewegte. Die Tür ging auf und heraus schaute diese uralte Frau. Mutig und unerschrocken, sicher das Geld gehört den beiden einsamen Menschen, reichte ich ihr das Taschentuch. Die Frau fing ganz bitterlich an zu weinen, dankte von Herzen und segnete mein Leben .Dieses Ereignis bleibt in meinem Leben unvergesslich. Danke liebes Taschentuch.

Gedichte von Annelore Bösch
DAS ZIERTUCH 1900
FLEIßIG IST DIE MAID, WENN ES STÜRMT UND SCHNEIT. SOGAR DIE LIEBEN VERWANDTEN, INCLUSIVE TANTEN, STICKEN, HÄKELN 0HN VERDRUSS TASCHENTÜCHLEINS KANTENSCHILUSS. FEINSTE SPITZE UM BATIST VERZIERT DAS QUADRATISCHE GERÜST. DAS ZIERTUCH WIRD DIE AUSSTEUER KRÖNEN UND DAS KLEID DER BRAUT VERSCHÖNEN. ARTIG HÄLT SIE ES IN DER HAND, VERWECHSELT´S NICHT MIT GÄNGELBAND.

MÄNNERTASCHENTUCH 2000
Buntkariert nicht verziert farbbedruckt hineingespuckt benutzt der Mann dann und wann ein Tuch, gestopft im Hosensacke, zum Gebrauch für Bart und Backe. Schaut aus dem Jacketversteck ein Ziertuch zaghaft, nur ein Eck - ist dieses ein besond 'res Stück. Seidenglänzend erobert 's den Blick der Damenwelt. Wie es euch gefällt.

AUSSER KONKURRENZ
Im Sechserpack und mehr, gefaltet und sortiert, mit Pfefferminz beträufelt, auch softgestaltet - ungeniert im Warenhaus gehäufelt. Neben klopapiernen Rollen, sehr hygienisch feilgeboten und guten Testierungsnoten: DAS EINMALSCHNEUZWEGWERFTUCH. Tropft die Nase, übe den Versuch: nimm zwei, dann ist 's auch dicht. Und : vergiss die Entsorgung nicht.

Anmerkung von Christine
Auch dafür liebe ich meinen Mann - er hat immer ein Taschentuch für mich!

MK - Ein Frauenleben
MK - die Initialen meiner Großtante Martha. Geboren 1886 in Schlesien als älteste von drei Geschwistern: ein Bruder, gefallen im zweiten Weltkrieg, eine sehr viel jüngere Schwester. Sie blieb die Ledige, ihr fiel später die rolle zu, die Mutter zu versorgen. Warum sie? Schlechte Erfahrungen mit Männern? Keine Gelegenheit? Häßlich jedenfalls war sie nicht-keine in der Verwandtschaft hatte so klare, so blaue Augen wie sie. Die Gründe liegen im Dunkeln. Vielleicht ja auch ganz woanders, denn meine Großtante, sie war auch dies: eine junge Frau, die auf eigenen Füßen stand, ihreigenes Geld verdiente. Lust an der Eigenständigkeit, am Beruf? Wie geht man dann mit diesem Passus im Anstellungsvertrag um: "Im Falle Ihrer Verheiratung hört das Dienstverhältnis, ohne daß es einer Kündigung seitens der Post- und Telegraphenverwaltung bedarf, mit dem Tage der Eheschließung auf." Berlin-Charlottenburg, 1908 "Im Namen des Königs" zur Telegraphengehilfin berufen. Jahre in Berlin ... Und auch später im schlesischen Landeshut, nach der Rückkehr ins elterliche Haus, "das Fräulein vom Amt" in der Telefonvermittlung. Dann: Zweiter Weltkrieg. Dann: 1946: Vertreibung aus der Heimat, buchstäblich mit dem letzten Zug nach Westen. Die Mutter, die zu versorgen war, stirbt im Flüchtlingslager. Die Jahre nach dem Krieg? Schwarze Löcher für mich. Sie hat auch hier bei der Post im Fernmeldewesen gearbeitet. Nach der Pensionierung die Entscheidung, ins Damenstift zu gehen. Alles so schön katholisch da, so wohlgeordnet und züchtig. Aber auch: Verknüpft mit dem Umzug in eine andere Stadt, räumlich fern der Verwandten. In diesem Stifts-Rahmen erst ist sie mir persönlich bekannt. Kinder-Erinnerungen an quälend langweilige Besuche. In den Anfangsjahren noch mit Ausflügen verknüpft, später auf das Gebäude, das Zimmer beschränkt. Ein winziges Zimmer, ausgerichtet auf eine Person mit wenig Ansprüchen: ein Bett, ein Schrank, eine Kommode, ein Waschbecken hinterm Vorhang, ein kleiner Tisch mit Stuhl, ein Kreuz an der Wand und ein Bild der Schneekoppe.. Unser Familienbesuch sprengte den Raum, machte die Enge in kurzer Zeit unerträglich. Und unsere kindliche Lebendigkeit-so unangemessen in diesen Mauern: Tiefes Schweigen auf den langen kalten Gängen, und hinter den vielen Türen kein Leben. Niemals, nirgends. Raum ohne Zeit, aber mit dem Geruch von Altjüngferlichkeit, Bohnerwachs und Lavendel. Die Großtante: hilflos im Umgang mit uns Kindern bei den seltenen Besuchen. "Erzählt doch was!" Was sollte ich erzählen, wo dieses Leben hier doch jenseits aller weltlichen Erfahrung schien? Mahnende Worte an die Heranwachsende, mit ernstem Blick aus den immer noch so unglaublich blauen Augen: "Kind, laß dich nicht mit Männern ein!" "Ach Tante, was weißt du schon davon hier in diesem Stift?" Viel viel später erst der Gedanke, ob sie vielleicht doch Gründe hatte so zu reden .... Jahrzehnte des Lebens noch in diesem Stift. Friedvolle? Oder leer? Über neunzig ist sie geworden. Ein langsames Verlöschen eines Lebens, von dem ich wenig weiß. Geblieben sind einige Taschentücher: kleine Kunstwerke aus Häkelspitze, so fein, und jedes anders. Und noch etwas blieb: Von welchen, die sie kannten, meine Großtante, und meine kleine Tochter sahen-etliche Jahre nach dem Tod der Tante-hörte ich den Satz: "So ganz die blauen Augen der Tante Martha!"

Ilse Hildebrandt
Es war einmal im Oktober 1968-als ich mit - als Familie - mit 31/2 Kindern? "auszog", um in Nepal von Brot für die Welt ein Krankenhaus zu bauen. - Nach einer abenteuerlichen Schiffsreise - rund um Afrika - sollte es dann von Kathmandu mit einer kleineren Maschiene zum Endziel Pokhara gehen. Als wir einsteigen wollten, schoß es mir durch den Kopf, 5 Mon. schwanger und ich muß mindestens 10000 m hoch über den Himalaja ohne Druckkabine! Was wird wohl aus "uns"
werden?? aber es kam noch schlimmer. Plötzlich entfernte sich spürbar der Boden unter meinen Füßen, denn ich sah 20-30 kräftige Männer, die an den Flügeln des "Flug-Zeuges" hingen. um die Maschiene anzuschieben !! Ich muß wohl ganz entsetzt meine drei kleinen Kinder festgehalten haben, denn plötzlich fühlte ich eine sanfte Hand auf meiner Schulter. Neben mir stand ein hochgewachsener, schlanker, weißhaariger, englischer "Sir" und er sagte mit den schlichtesten Worten der Welt: "Don't worry, diese Maschine fliegt auch sehr sicher mit nur einem Motor!" Wie sie aus dem Brief - ohne jeglichen Zweifel - erkennen können, hatte er Recht. In unzähligen Situationen fiel mir später in meinem Leben dies - don't worry - wieder ein ........ Meine Geschichte: ein "erfahrenes" Wort zur richtigen Zeit, kann ein ganzes Leben lang von großer Bedeutung sein! ..... nach sechs Jahren sind wir dann mit vier Kindern 13500 km über Land in einem VW Kombi von Nepal wieder nach Deutschland gefahren, aber das ist eine neue Geschichte für so eine tolle Idee mit dem Taschentuchbaum! Hoffnung, Richtschnur für alle Arbeit.

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